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Und dann kam Melli – wie ein Pflegekind den Familienalltag bereichert

Eine Familie - zwei Erwachsene und vier Kinder - sitzen auf dem Sofa.

Familie Müller aus Ratshausen nahm im August 2022 das damals einjährige Mädchen Melli als Pflegekind bei sich auf, vermittelt vom Jugendamt Zollernalbkreis. Mittlerweile ist sie fester Teil der Familie, dazwischen lagen aber emotionale und belastende Momente. Hier berichten sie von ihrem Weg und geben ihre Erfahrungen weiter.

Den Text in Leichter Sprache finden Sie hier (PDF) (64,4 KiB).

Die Müllers: Das sind Mutter Julia (37 Jahre), Vater Peter (52), Tochter Celine (19) sowie die Söhne Felix (17) und Moritz (13). Eine auf den ersten Blick komplette Familie. Ein weiteres eigenes Kind wäre schön gewesen, medizinische Gründe ließen das aber nicht zu. Über eine Anzeige im Amtsblatt stoßen sie 2021 darauf, dass das Jugendamt Pflegeeltern sucht. Sie beraten das innerhalb der Familie. Alle fünf sehen sich dafür bereit.

Kinder brauchen manchmal schnelle Hilfe – wenn sie in Not geraten sind, aktuell nicht bei ihren Eltern bleiben können und für eine gewisse Zeit Schutz und Geborgenheit benötigen. In solchen Fällen vermittelt der Pflegekinderfachdienst des Jugendamts Zollernalbkreis die Aufnahme in Pflegefamilien. Diese werden für diese verantwortungsvolle und gleichzeitig bereichernde Aufgabe vorbereitet und während der Pflege beraten, unterstützt und begleitet.

Das Verfahren beginnt für Familie Müller mit dem Ausfüllen jeder Menge Unterlagen. Das Jugendamt besucht sie in Ratshausen. Julia und Peter Müller absolvieren zwei Seminare zu Themen rund um Kinder und Familie. „Ich dachte, als dreifache Mutter wüsste ich schon alles. Tatsächlich habe ich noch einiges gelernt“, erinnert sich Julia Müller. „All das dient dazu, ein möglichst genaues Profil der Familien zu erstellen und beurteilen zu können, welches Kind wo am besten aufgehoben ist. Das Wohl der Kinder steht für uns an oberster Stelle“, erklären Birgit Walker und Artur Leisch vom Pflegekinderfachdienst.

Mitunter dauert es Monate, sogar Jahre, bis eine passende Kombination gefunden ist. Bei den Müllers geht‘s ganz schnell. Nur wenige Tage nach dem Seminar ein Anruf. Ein junges Mädchen benötigt Geborgenheit. Die Familie berät sich wieder. Tochter Celine bestärkt die Runde, es zu versuchen. Sohn Moritz hätte lieber einen jüngeren Bruder – aber okay. Im Beisein der Bereitschaftspflegemutter, bei der das Mädchen in den Monaten davor war, und der leiblichen Mutter kommt es auf neutralem Terrain zu einem ersten Kontakt mit Melli. Julia Müller erinnert sich noch genau: „Ich war schockverliebt.“

Was folgt, ist die Kennenlernphase, vergleichbar mit der Eingewöhnung im Kindergarten. Das Mädchen sei anfangs sehr zurückhaltend und schüchtern gewesen, habe kaum Nähe und Berührungen zugelassen, berichtet Julia Müller. Selbstzweifel hätten sie deshalb geplagt: Ob sie als Pflegemutter vielleicht nicht geeignet sei? Über mehrere Wochen verbringt Melli täglich etwas mehr Zeit mit den Müllers, die Bereitschaftspflegemutter zieht sich langsam zurück. Im Sommer Urlaub in Italien. Das Umfeld – Oma und Opa, Nachbarn – reagieren durchweg positiv, haben Respekt vor der Aufgabe, die Familie Müller angenommen hat. Für die Großeltern ist Melli schnell das vierte Enkelkind. Nach etwa einem halben Jahr hat das Mädchen Vertrauen gefasst und ist in der Familie soweit angekommen. Dann beantragen die leiblichen Eltern, dass sie zu ihnen zurückkehren soll. Es beginnt ein Wechselbad der Gefühle.

Es gibt zwei Formen von Pflegeverhältnissen: die kurzfristige, spontane Unterbringung in Bereitschaftspflege in akuten Krisensituationen. Hat sich die weitere Perspektive geklärt und kann das Kind zunächst nicht zurück zu den leiblichen Eltern, wird es in eine Vollzeitpflegefamilie vermittelt.

Julia Müller sagt, sie hätte der sogenannten Rückführung niemals im Weg gestanden. Sie wisse: „Ein Kind gehört zu seiner Mutter.“ Es kommt zu Treffen mit den Eltern, die Rückgewöhnung beginnt. Melli habe in dieser Zeit schlecht geschlafen, nachts geschrien. Julia Müller leidet mit. Die leibliche Familie aber lässt Termine immer wieder sausen, die Rückführung scheitert. Melli bleibt bei den Müllers.
Im Frühjahr 2024 kommt das Mädchen in den Kindergarten – und hat sich, berichtet Celine, zu einer selbstbewussten, willensstarken „Madame“ entwickelt. Mit Felix, der in seiner Freizeit boxt, schwingt sie gerne spielerisch die Fäuste. Und Moritz, der eigentlich lieber einen jüngeren Bruder gehabt hätte, erfreut sich an der „süßen, kleinen Schwester“. Julia Müller sagt: „Melli hat neues Leben und neue Liebe in unsere Familie gebracht, sie ist ein Sonnenschein.“

Mit dem Jugendamt stehen die Ratshausener weiterhin regelmäßig im Austausch. Das hätten sie nie als lästig, sondern immer als hilfreich empfunden, gerade in den schwierigen Phasen. Ihr Rat an Familien, die überlegen, ein Pflegekind anzunehmen: „An sich glauben.“ Sie als Familie hätten keinen Tag bereut, Melli aufgenommen zu haben. Ihr zur Seite stehen und sie begleiten wollen sie weiter – Kindergarten, Schule, Ausbildung. „Hoffentlich für immer“, sagt Julia Müller.

Weitere Informationen:
Wer Interesse hat, ein Pflegekind aufzunehmen, kann sich an den Pflegekinderfachdienst wenden (Telefon 07433/92-1415, E-Mail pflegekinderdienst@zollernalbkreis.de). Grundlegende Informationen zum Thema findet man auf www.zollernalbkreis.de/pflegekinder.